| |
Betrachtet man die Sermones Antonius', so überrascht,
dass der heilige Antonius nur selten von den menschlichen
Gesetzen spricht. Er beleuchtet ihre Unzulänglichkeit
und Ambivalenz, wobei er ein negatives Bild der Jurisprudenz
seiner Zeit zeichnet, sei es in der Form des institutionellen
Wissens, sei es bei dem juristischen Berufsstand im Allgemeinen,
wie weiter unten ausgeführt wird.
Antonius offenbart in diesem Werk ein gewisses Misstrauen
gegenüber der politischen Organisation der Städte
und noch einen größeren Pessimismus gegenüber
der Administration der Justiz in den Gerichten, bei denen
er "Intrigen der Mächtigen gegen die Elenden, grausame
Urteile gegen die Armen, die unschuldige Tränen vergießen
und niemanden haben, der sie unterstützt", beobachtet.
Diese Skrupellosigkeit der Starken, diese Missachtung
des Armen und seines Leidens lassen unseren Heiligen vor Entrüstung
entbrennen.
Die Verschlagenheit der Anwälte verzerrt das Recht, das
vom Schutzinstrument im Dienste des Menschen und seiner unveräußerlichen
Rechte leicht zu egoistischen Zwecken und privaten Interessen
missbraucht wird. Der einzige Gesetz, dem Antonius uneingeschränkt
vertraut, ist das göttliche Gesetz: Dies ist vom
Schöpfer in die menschliche Natur eingeprägt und
seit der Verkündigung der Zehn Gebote positiv formuliert.
Von Christus wurde es in der Bergpredigt zur Perfektion gebracht.
In seinen Augen ist nur dies die grundlegende Norm der
Praxis, die in der Lage ist, den Menschen zur wahren Gerechtigkeit
zu führen.
Das Recht und die gesamte zivile und kanonische Legislatur
können zweifellos einen großen Wert haben,
da sie die sozialen und ekklesiastischen Beziehungen regeln.
Dies bezüglich sind sie ein Mittel, das hilft nach
dem göttlichen Gesetz zu leben, indem sie die Anwendung
der evangelischen Gerechtigkeit vereinfachen. Der heilige
Antonius beobachtet jedoch mit Betrübnis, dass in
der Kirche und der Gesellschaft seiner Zeit die Jurisprudenz
eine Relevanz und ein beschämendes Primat erlangt hat
gegenüber des reinen Gesetzes des Evangeliums, gegenüber
des wahrhaftigen Lebens des Mitleids und der Barmherzigkeit,
das die christliche Gesellschaft beleben sollte. "In
der Kurie der Bischöfe klingt das Gesetz von Justinian
an, nicht das von Christus; diese Gottlosen erzählen
Märchen, aber verbreiten nicht dein Gesetz, oh Herr,
das nunmehr verlassen und verhasst ist."
Innerhalb dieser "ehebrecherischen" Vorherrschaft
des Rechtes im Herzen der Kirche, um genau zu sein, an den
qualifiziertesten Orten der ekklesiastischen Institution enthüllt
Antonius mit schmerzerfülltem Erstaunen die Verdrehung
der Werte und der Jurisprudenz, die daraus in der ekklesiastischen
Praxis entstanden ist. Hiernach wird ein Kirchenhirte,
wenn er einen Verstoß gegen irgendein päpstliches
Dekret begeht, umgehend angeklagt, dem Gericht überstellt,
für schuldig befunden und abgesetzt. "Wenn er hingegen
etwas Schwerwiegendes gegen das Evangelium Christi begeht,
das über allen Dingen stehen sollte, gibt es niemanden,
der ihn anklagt, niemanden, der ihn abholt."
Mit der kritischen Freiheit des Propheten, macht der Anhänger
Franziskus' den Mönchen und Religiösen noch heftigere
Vorwürfe: Ebenso wie die Prälaten verraten sie
das Gesetz des Evangeliums im Namen ihrer Konstitutionen und
mönchischen Traditionen, dabei vertreten sie jedoch ihre
eigenen weltlichen, vergänglichen und leeren Interessen.
Man findet sie überall, notiert er: auf den Märkten
und den Messen, wo sie kaufen und verkaufen, Verträge
abschließen, im Gericht streiten, Zeugen, zivile und
kanonische Advokaten anwerben, um die vergänglichen und
eitlen Güter zu verteidigen. Sagt mir, oh ihr Törichten,
ruft der Heilige mit empörter Ironie aus, ob in der Bibel
oder in den Regeln des Benedikt oder des Augustinus etwas
Ähnliches erlaubt sei; vor allem euch, die ihr den Weg
der Perfektion gewählt habt, demnach ihr eure Feinde
lieben und euren Verfolgern Gutes tun solltet, wobei ihr auf
eure eigenen Rechte verzichten solltet! Sie sind auf beständige
Art und Weise aufmerksam und anspruchsvoll gegenüber
ihren Privilegien und ihrer materiellen Bequemlichkeit, die
in ihren Konstitutionen vorgesehen sind, doch sie kümmern
sich nicht im geringsten darum, das Gesetz Christi zu befolgen,
das allen Regeln, Institutionen, Traditionen und anderen Erfindungen
der Menschen vorzuziehen ist, da nur dieses Gesetz uns retten
kann. |